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Zwanzig Jahre "Internet" in Deutschland
von Dr. Alois Lipka
Internet, Surfer, Homepage, eMail, Chat , Onlinebanking, eCommerce,
Newsticker, Amazon, Cdnow, Vernetzung, Intranet und vieles andere mehr
gab es in Deutschland schon ab 1980 unter den Namen Bildschirmtext (Btx),
Teleleser, Hobbyanbieter, Mitteilungsdienst, Teledialog, Telebanking,
Teleshopping, Blitzmeldung, Telebuch, TeleCD, Rechnerverbund und
geschlossene Benutzergruppe (GBG), allerdings mit anderer Technik.
Den Nutzer interessiert primär die Anwendung, denn z.B. sind sein
Kontosaldo und sein Depotwert in Btx (T-Online) und im Internet
gleich hoch.
Die Technik hat sich ständig gewandelt: In den Internetkaffees von
San Franzisko flimmerte noch grüne Schrift auf schwarzen Bildschirmen,
und Btx sah ursprünglich so aus wie Videotext noch heute.
Die Ausgangslage war denkbar schlecht. Computertechnik war weltweit
unglaublich teuer und leistungsschwach und die potentiellen Nutzer in
Deutschland und in den USA hatten keine Ahnung von Online-Anwendungen
und ihrem Nutzen. Kein Wunder, daß die Wachstumskurven der
Teilnehmerzahlen von CompuServe, AOL und den verblichenen Onlinediensten
Prodigy, Apple Link und eWorld deckungsgleich verliefen mit der von
Btx.
Landestypisch gab es in Deutschland eine zusätzliche Hürde. Die
Politiker bangten um ihren Einfluß auf die Neuen Medien. Nach der
sensationellen Präsentation von Bildschirmtext und Videotext
auf der Funkausstellung 1977 wurde Btx erst einmal für drei Jahre
"verboten": Die technischen Versuche mit 344 Anbietern waren nicht
öffentlich.
Zwei Landesgesetze genehmigten ab 1. Juli 1980 jeweils 3000 Berlinern
und Düsseldorfern die Teilnahme am Bildschirmtext-Feldversuch,
Anbieter waren bundesweit zugelassen.
Schon im November 1980 gab es mehrere Weltpremieren. Im Rechnerverbund
wurden Onlinebanking (Verbraucherbank), Onlineshopping (eCommerce von
Neckermann, Otto und Quelle) sowie die Online-Reisebuchung (TUI) weltweit
erstmalig praktiziert. Elf Millionen Onlinekonten derzeit und 600
Millionen DM Onlineumsatz (1998) haben sich daraus entwickelt. Für die
Online-Reisebuchung war die Zeit noch nicht reif.
Feldversuchsteilnehmer, Teleleser genannt, gehörten zu einer
Informationselite. Zahlreiche Onlineredaktionen von Zeitungen
versorgten sie mit aktuellen Nachrichten, und sie waren auch die ersten
Videotext-(Teletext)Nutzer von ARD/ZDF, weil der gleiche Decoder Btx
und Videotext unterstützte.
Auf Dauer sollte Btx nicht so aussehen wie Videotext heute noch
aussieht, und daher wurde für den bundesweiten Start der CEPT-Standard
europäisch entwickelt und genormt, mit Pastellfarben und viel besserer
Grafik.
Zwanzig Rechner in der Bundesrepublik sollten die Teilnehmer
versorgen, aber die IBM hatte eine bessere Idee: Ein
Client-Server-Konzept mit Leitzentrale, Datenbankrechnern, B-Rechnern,
Leitungsrechnern und Konzentratoren, so kompliziert wie die
Mondlandung, musste die IBM später kleinlaut gestehen. Mit einem halben
Jahr Verspätung schaffte sie es trotzdem.
Inzwischen hatten sich die Politiker geeinigt, daß Btx Rundfunk und
damit Ländersache war. Ein Staatsvertrag aller Bundesländer für etwa
10.000 Nutzer gestattete die bundesweite Einführung und beschränkte die
Bundespost auf die Netzbetreiber-Funktion mit Kontrahierungszwang für
alle Anbieter, auch für unseriöse und semikrimelle. Bundesweiter Start
war am 3. September 1983, mit Feldversuchstechnik, denn die IBM war erst
im Mai 1984 fertig.
CEPT-Standard und Netzwerktechnik erwiesen sich langfristig als
segensreich, aber kurzfristig als schwere Bürde. Der Decoderpreis stieg
um den Faktor 10 auf rund 2000 Mark und die Anbieter kämpften mit der
modernen aber sehr komplexen Technik.
Dem Flop-Gerede zum Trotz stieg die Zahl der Btx-Nutzer stetig, aber
lange nicht so explosiv, wie Diebold das prognostiziert hatte, ähnlich
euphorische Prognosen sind ja heute wieder sehr in Mode gekommen.
Computertechnik war früher für Privatleute fast unerschwinglich, aber
für die geschäftliche Nutzung war Btx eine äußerst preiswerte
Alternative. So schreibt die Computerwoche 1987: "Der Schwerpunkt des
Btx-Einsatzes liegt in der Bundesrepublik heute im geschäftlichen
Bereich. Hier wird Btx hauptsächlich zur preiswerten Datenkommunikation
für Bestellungen, Buchungen, Reservierung, Datenabfragen und
Datenerfassung, aber auch für den Austausch von Kurzmitteilungen
genutzt." Das war zwei Jahre bevor Tim Berners-Lee im März 1989 seinen
ersten Vorschlag für "das Web" machte.
Das Elektronische Telefonbuch konnte seit 1984 als Bundesadressbuch
genutzt werden. Die Wirtschaftsdatenbanken von GENIOS waren seit 1985 in
Btx benutzerfreundlich zu recherchieren. TELEKURS startete im Juni 1988
in Btx mit Realtime Börsenkursen weltweit. Die Lufthansa bot ab
November 1990 den Weltflugplan mit Ankunfts-/Abflugtafeln in Echtzeit
an. Telebuch hatte im Februar 1991 140.000 Bücher in der Datenbank, drei
Jahre vor Gründung von Amazon. Bei TeleCd konnte man 1991 Musikalien
online recherchieren und bestellen. Die Btx-Fahrplanauskunft ersetzte im
März 1992 schon 200 Beamte.
Der Btx-Staatsvertrag verbot der Bundespost die Werbung für Btx mit
diesen Spitzenangeboten. Daher startet 1992 das Btx-Marketing der 1&1
TelekommunikationsGmbH mit Flyern in der Computerpresse: "Hier sind 60
von 3000 hervorragenden Angeboten in Btx". Die Leser kannten beruflich
den Nutzen von Onlineanwendungen und wollen auch privat davon
profitieren.
1993 wird, für die Benutzer fast unbemerkt, die gesamte Hardware und
software im Btx-System komplett erneuert und dafür der unglückliche Name
Datex-J kreiert.
Btx ist weltweit über jeden Telefonanschluß erreichbar. 1982 fand
sogar eine redaktionelle Transatlantiküberquerung statt, als ein
Aktivist seine Reiseberichte aus USA online ins System stellte. Im
gleichen Jahr in Brasilien überwies der Erfinder des Onlinebanking
Alfred Richter 10 Mark an Siegfried Regenberg von Quelle, und der zeigte
online, daß das Geld sofort auf seinem Konto gutgeschrieben war.
Direktverbindungen von Btx zu den Systemen in Frankreich, der Schweiz,
Österreich und in Benelux wurden nacheinander aktiviert. So hat ein
französischer Kollege via Btx und Teletel alias Minitel sein
Bankkonto in Frankreich kontrolliert. 1993 gab es in Europa 18
Btx-Systeme mit 8 Millionen Teilnehmern.
Kommunikation in jeder Form wurde schrittweise realisiert: eMail seit
1977, danach Telex, Telefax, Telebrief, Cityruf und SMS-Nachrichten an
D1 und D2; d.h. ein Btx-Loewe-Fernseher von 1984 konnte auch faxen und
funken.
Fernseher, Multitels, Btx-Telefone, Set-Top-Box (Siemens Btx-TV-Set),
Commodore, Amigas, Apples und PCs, viele Geräte führten zu Btx. Aber
nur der inzwischen erschwinglich und heute spottbillig gewordene PC war
so flexibel, daß auch der Internet-Zugang integriert werden konnte. Der
kostete 1993 ohne Telefonkosten komplett 145 Mark pro Monat. Acht Monate
nach Start des Netscape Navigator 1.0 öffnete T-Online im August 1995
den Btx-Nutzern mit Netscape 1.0 das Internet und verdoppelte damit
schlagartig die Zahl der deutschen Internet-Nutzer auf rund 2 Millionen.
Optisch (HTML-Texte mit Download von bunten Bildern) wie inhaltlich
war damals das Angebot noch dürftig. Schließlich war DER SPIEGEL im
Oktober 1994 weltweit das erste redaktionell betreute Nachrichtenmagazin
"im Netz". Aber für den erfahrenen Btx-Nutzer war das Internet "das selbe
in Grün", und wer seinen Fahrplan, Flugplan, seine Datenbank und seine
Versandhandelsangebote im Rechnerverbund anbot, für den war der Schritt
ins Internet nur eine technische Umstellung.
Nach fünf Jahren wird das "Surfen", d.h. das ziellose Umherirren im
Netz, langsam langweilig. Ein paar Tageszeitungen für das gleiche Geld
sind ein wesentlich bequemerer und schnellerer Weg zur "nicht
gesuchten" Information. Die gezielte Informationssuche, die
Kommunikation und die Abwicklung von Transaktionen (Bankgeschäfte,
Bestellungen usw.) sind die eigentliche Domäne des Internets,
allerdings ist unklar, was daran Revolutionäres sein soll.
Spannend bleibt, wie die Geburtsfehler des Internets künftig behoben
werden: Zum einen die Nutzeridentifikation, Voraussetzung für gültige
Rechtsgeschäfte, und zum zweiten das Micropayment, d.h. die
Online-Bezahlung von Kleinbeträgen, längerfristig die Voraussetzung für
die Refinanzierung der "kostenlosen" Internetangebote. Für einen
geschlossenen Onlinedienst wie Btx kein Thema. Nach einigen
Verständnisschwierigkeiten wurde die Nutzeridentifizierung in Btx auch
vor Gericht anerkannt. Das Inkasso von Seitenpreisen, später erweitert
um den Zeittakt, war schon Bestandteil der Urkonzeption von VIEWDATA.
1996 betrug das Gesamtinkasso in Btx 100 Millionen Mark. Zum Jahresende
1999 wurde es eingestellt und das bereits fertig ausgetestete analoge
Inkasso für Internetangebote über die Telefonrechnung wurde gestoppt.
Mit der marktbeherrschenden Stellung begründeten die Gerichte einen
Kontrahierungszwang auch für unseriöse Anbieter; den damit verbundenen
Aufwand und Ärger wollte sich T-Online ersparen.
Damit ist das Kapitel Bildschirmtext zum Jahrtausendwechsel
praktisch abgechlossen worden. Mit Ausnahme von geschäftlichen
Anwendungen in geschlossenen Benutzergruppen und dem Onlinebanking, das
derzeit noch wesentlich schneller und theoretisch auch sicherer in Btx
abgewickelt werden kann, sind praktisch alle interessanten
Onlineanwendungen ins Internet gewandert.
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